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Zum aller ersten Mal stehen

  • 6. Juni 2025
  • 3 Min. Lesezeit

In unserer ersten Woche, nach den Schulferien von More Africa, konnte wir bereits einen Teil des neuen Materials erfolgreich ausprobieren. Der Junge mit Hydrozephalus konnte mit Hilfe des Standings am Dienstag zum ersten Mal Stehen und sein Körpergewicht auf seinen Beinen spüren.

Wie muss es sich anfühlen das erste Mal zu stehen? Ich glaube an dieses Gefühl kann sich kaum ein gesunder Mensch erinnern, denn bei einer normalen Entwicklung fangen Babys mit circa 8-12 Monaten an, sich an Dingen hochzuziehen und aufzustehen. Bei ihm war es jetzt halt mit fünf Jahren so weit.

 

Junge mit Hydrozephalus in Standingframe

Die ersten Standing Versuche mit ihm diese Woche waren schwierig und er fühlt sich noch nicht sehr wohl dabei. Dennoch war er auch sehr neugierig und wollte immer nochmal. Sobald er dann wieder stand, forderte er uns auf ihn zu befreien und klagte über Schmerzen. Für mich wirkte es sehr stark nach Unsicherheit und Angst. Wir werden es auf jeden Fall weiterhin mit kurzen Sequenzen versuchen und hoffen, dass er sich bald daran gewöhnt und Freude daran bekommt.

 

Bei der Arbeit als Therapeuten in der Schweiz sind wir selten in der Situation, dass wir chronisch neurologisch erkrankte Menschen als erste Therapeuten behandeln. Meist gab es irgendeinen Therapeuten vor uns, an dessen Massnahmen wir uns etwas bezüglich Fähigkeiten und Belastbarkeit orientieren können.

Als Ersttherapeutin der Kinder hier, stelle ich mir oft viele Fragen bezüglich ihrer Belastbarkeit. So war es auch diesmal eine Challenge mit dem Jungen das Standing auszuprobieren. Knochen, die noch nie richtig belastet worden sind, können sich nicht gleich entwickeln und sind nicht gleich stabil, wie Knochen, die eine langsame Belastungssteigerung mit der Entwicklung von neuen Fähigkeiten (Sitzen, Kriechen, Stehen, Gehen, etc.) eines Kindes mitgemacht haben und anschliessend im Alltag belastet werden. Somit fragte ich mich, ob seine Knochen überhaupt stabil genug für das Standing sind, oder ob Gefahr für eine spontane Fraktur bestehen kann. Ein weiterer zu berücksichtigender Faktor ist der Kreislauf. Sobald wir stehen, fliesst aufgrund der Schwerkraft mehr Blut in unsere Beine. Durch die Pumpaktivität unserer Beinmuskulatur wird das Blut zu genüge zurück in den Kopf transportiert, wodurch unser Kreislauf stabil bleibt. Wie sieht die Leistung der Muskelpumpe wohl bei einem Jungen aus, der noch nie gestanden ist, und diese somit noch nie in diesem Ausmass herausgefordert hat? Solches und Weiteres sind Fragen, die mich während der Behandlung der Kinder hier immer wieder beschäftigen und herausfordern. Das Einzige, was ich gegen die Ungewissheit machen kann, ist Fähigkeiten der Kinder, wie zum Beispiel Rumpfkraft im Vorhinein testen und mit bestem Wissen zu beurteilen, ob diese zur Verhinderung genannter Gefahren ausreichen. Zudem tausche ich mich regelmässig mit Fachkolleginnen in der Schweiz aus, um weitere Meinungen und Erfahrungen mit einzubeziehen.

 

Auch das Feedback der Kinder hier ist oft sehr schwierig richtig zu deuten. Dies einerseits aufgrund ihrer zusätzlichen kognitiven Einschränkungen, aber auch weil sehr viele Faktoren, wie zum Beispiel Angst, mitspielen. Wir holen sie immer wieder aus ihrer Komfortzone und fordern sie heraus. Ist ihre Rückmeldung von Schmerz nun also tatsächlich ein Schmerz oder ist es Müdigkeit, Angst, Unannehmlichkeit, etc.? Wer kann das schon wissen, ausser den Kindern selbst.

Dazu kommt, dass der Nichtgebrauch von Körperteilen dazu führt, dass sich deren Repräsentation in unserem Gehirn verändert. Sie sind dann oft nur sehr klein repräsentiert, wenn überhaupt. Dadurch erhalten wir beim Benutzen dieser Körperteile viel weniger Informationen über Sachen wie Position, Sensorische-Inputs, etc. Auch wenn wir wissen, dass der Junge seine Beine in einem gewissen Ausmass zwar spürt, finde ich, er zeigt mit seinem Blick zu den Beinen sehr schön, dass ihm die Rückmeldung ohne Augenkontrolle nicht ausreicht. Es sieht für mich so aus, als wolle er mit den Augen sehen, was seine Beine gerade machen. Möglicherweise, weil ihm das interne Feedback aus den Beinen selbst dazu fehlt.

 

Wir bleiben auf jeden Fall dran und halten euch über die Entwicklung auf dem Laufenden.💪🏽

 
 
 

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